Auf Erkundungstour zum „Mainzer Land“ in der Niederlausitz

Unsere Annäherung an die Niederlausitz vollzog sich ganz behutsam. Als im Jahr 2005 Rainer von Boeckh anlässlich seines 70. Geburtstages eine eigene Stiftung zur Förderung des insgesamt 2000 Hektar großen NABU-Naturparadieses Grünhaus gründete, war der Vorstand des NABU Mainz und Umgebung schnell entschlossen, hier mit einzusteigen, und beschloss als erstes eine großzügige Spende zur Unterstützung.


In der „Mondlanschaft“ Grünhaus In der „Mondlanschaft“ Grünhaus

Uns überzeugten im Wesentlichen die räumlichen Chancen für den NABU, die in der Renaturierung dieser ehemals riesigen Braunkohletagebauflächen bei Finsterwalde in der Niederlausitz bestehen, bieten sie doch sogar frei lebenden Wölfen einen Lebensraum. Auch die Grundstückspreise spielten bei unserer Entscheidung eine Rolle. Müssen wir in Rheinhessen bis zu 1,00 EUR pro Quadratmeter Boden zahlen, genügt im „wilden“ Osten ein einziger Cent. Alle Flächen, die über die Boeckh-Stiftung dauerhaft gesichert werden, werden von dem Projektleiter des NABU-Naturparadieses Grünhaus Dr. Stefan Röhrscheid räumlich zusammengelegt, und so entstand, einem Namensvorschlag von Karin von Boeckh folgend, das „Mainzer Land“ in der Niederlausitz.

Natürlich wollten wir Grünhaus auch einmal mit eigenen Augen sehen. Volkhard Lorenz erklärte sich spontan bereit, eine Reise dorthin zu organisieren. Am 29. September 2006 war es dann soweit. Bereits um 6:15 Uhr trafen wir uns als siebzehnköpfige Reiseschar am Mainzer Hauptbahnhof und traten kurz darauf unsere Zugfahrt nach Finsterwalde an. Gegen 13:30 Uhr wurden wir dort von Dr. Stefan Röhrscheid freudig begrüßt. Für die gesamte Zeit hatten wir einen kleinen Reisebus verfügbar, dessen Fahrer uns flexibel und zuverlässig von einem Programmpunkt zum nächsten chauffierte.


Die Mainzer Reisegruppe am „Mainzer Land“-Findling Die Mainzer Reisegruppe am „Mainzer Land“-Findling

Nach einer kleinen Stärkung in einem Gasthaus ging es auch schon los. Wir besichtigten zunächst unter fachkundiger Führung den noch aktiven Braunkohletagebau Welzow-Süd, wo wir nicht nur mit der Technik des Braunkohletagebaus vertraut gemacht wurden, sondern auch mit den enormen Auswirkungen des hiermit verbundenen Eingriffs in den natürlichen Grundwasserhaushalt der Region. Weiter ging es zu einem bereits stillgelegten Tagebauabschnitt bei Großräschen (Internationale Bauausstellung IBA). Hier lernten wir anhand eines gut vier Meter langen Planes das Konzept zur Renaturierung des Tagebaugebietes kennen. In einem Teil sieht es eine touristische Erschließung der noch im Entstehen befindlichen Seenlandschaft vor, in einem anderen dagegen eine Unterschutzstellung für die Natur. Hier liegt auch das NABU-Naturparadies Grünhaus. Schon recht müde vom frühen Aufstehen und den vielen neuen Eindrücken des ersten Tages ließen wir den Abend in „unserem“ Schlossparkhotel Sallgast gemütlich ausklingen.

Am nächsten Tag wanderten wir, geführt von Dr. Stefan Röhrscheid, bei herrlichem Sonnenschein durch das Naturparadies Grünhaus auf die „Hochkippe“ und besichtigten danach das Besucherbergwerk F60, die größte Förderbrücke der Welt, die jedoch nur kurze Zeit 1991/92 in Betrieb war. Gegen Abend kehrten wir nochmals nach Grünhaus zurück und beobachteten inmitten dieser bizarren Mondlandschaft von der Hochkippe aus vor der Kulisse eines atemberaubend schönen Sonnenuntergangs den Einflug von mehreren hundert laut trompetenden Kranichen. Diese haben bereits das Grünhaus-Areal als Rastgebiet für sich entdeckt, bevor sie im Spätherbst weiter nach Südspanien fliegen. Anschließend trafen wir in einem Restaurant in Finsterwalde mit Mitgliedern der dortigen NABUGruppe zusammen.


„Mainzer Land“-Findling „Mainzer Land“-Findling

Der Sonntag stellte mit der feierlichen Enthüllung eines eiszeitlichen Findlings mit einer Gedenktafel für die „Rainer von Boeckh-Stifung für das NABU-Naturparadies Grünhaus“ als offizielle Einweihung des Mainzer Landes den Höhepunkt unserer Reise dar. Während Christian Unselt, der Vorsitzende der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, Rainer von Boeckh als Stiftungsgründer und ich als Vertreterin des NABU Mainz und Umgebung die Bedeutung von Grünhaus für den Naturschutz hervorhoben, sah der Bürgermeister von Finsterwalde unser Engagement durchaus auch kritisch, ist die vermeintliche „Leere“ in der Niederlausitz, die wir als Bürger einer dicht besiedelten Region als besonders bemerkenswert und wohltuend empfanden, doch auch eine Folge der Abwanderung vieler junger Menschen in westliche Bundesländer aufgrund fehlender Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven vor Ort. Auch der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel gab uns ein Grußwort mit, das von Karin von Boeckh vorgetragen wurde. Im Anschluss an die offizielle Einweihung folgte eine Wanderung durch „unser“ Mainzer Land und weiter ein Ausflug zum Landschaftspark Branitz bei Cottbus, der einst von Fürst Pückler angelegt wurde.

Am Montag fuhren wir in das Biosphärenreservat Spreewald, unternahmen dort zunächst eine zweistündige Kanufahrt durch das Land der Fließe, das aufgrund seiner Naturbelassenheit durchaus an das Amazonasgebiet erinnert, und anschließend eine Wanderung durch das Biosphärenreservat. Am Abend, der ja leider schon unser letzter Abend vor Ort war, wurden wir in einem netten Waldrestaurant exklusiv kulinarisch verwöhnt.

Bevor uns am 3. Oktober 2006 der Zug wieder nach Hause brachte, besichtigten wir noch die historisch bedeutsame Slawenburg Raddusch.


Tumulus - das Grab des Fürsten Pückler im Park Branitz Tumulus - das Grab des Fürsten Pückler im Park Branitz

Alles in allem haben wir wieder eine fantastische NABU-Reise erlebt, die uns nicht nur viel Wissenswertes vermittelte, sondern auch jede Menge spaßiger Erlebnisse bescherte. Dank der perfekten Vorbereitung und Organisation vor Ort haben wir in dieser kurzen Zeit nicht nur das NABU-Naturparadies Grünhaus gründlich kennen gelernt, sondern darüber hinaus auch ein ausgewogenes Besichtigungsprogramm genießen dürfen, das uns die Niederlausitz wirklich nahe gebracht hat. Deshalb sei an dieser Stelle unserem Reiseleiter Volkhard Lorenz und seiner Frau Maria, die krankheitsbedingt leider nicht dabei sein konnte, im Namen der gesamten Reisegruppe ganz herzlich gedankt!

Welch großartigen Eindruck wir vom NABU-Naturparadies gewonnen haben, zeigt sich auch daran, dass viele von uns sich während der Reise spontan zu einer privaten Patenschaft entschlossen haben und so den relativen Anteil des Mainzer Landes am gesamten Grünhaus-Projektgebiet nochmals vergrößerten. Vielleicht war auch das Angebot von Dr. Stefan Röhrscheid vorlockend, jährliche Patentreffen zu organisieren, um die Entwicklung der Mondlandschaft zu einem eingewachsenen Naturreservat persönlich verfolgen zu können. Inzwischen erstreckt sich das durch Zustiftungen, Patenschaften und Spenden abgesicherte Mainzer Land schon auf rund 170 Hektar. Wenn auch Sie sich für eine Förderung des NABU-Naturparadieses Grünhaus in dieser Form interessieren, erhalten Sie bei Rainer von Boeckh gerne weitere Informationen.

Alle Fotos wurden von Reiseteilnehmern gemacht.


Artenliste der während der Reise beobachteten Vögel
(29.09.- 03.10.2006)

von S.O. Hoffmann & Erich Schmitt
Intensiver beobachtet wurde in folgenden Gebieten: Naturparadies Grünhaus / Mainzer Land, ausgehend von Sallgast und Lichterfeld; Biosphärenreservat Spreewald, ausgehend von Lübben; Parkanlage des Fürst Pückler, ausgehend von Schloss Branitz.

  1. Stockente
  2. Krickente
  3. Schellente
  4. Haubentaucher
  5. Kormoran
  6. Weißstorch
  7. Graureiher
  8. Silberreiher
  9. Höckerschwan
  10. Graugans
  11. Habicht
  12. Mäusebussard
  13. Turmfalke
  14. Baumfalke
  15. Wanderfalke
  16. Seeadler
  17. Fischadler
  1. Rotmilan
  2. Kranich
  3. Kiebitz
  4. Dunkler Wasserläufer
  5. Großmöwe spec.
  6. Lachmöwe
  7. Ringeltaube
  8. Haustaube
  9. Schwarzspecht
  10. Grünspecht
  11. Hausrotschwanz
  12. Amsel
  13. Schilfrohrsänger
  14. Blaumeise
  15. Kleiber
  16. Eichelhäher
  17. Elster
  1. Nebelkrähe
  2. Kolkrabe
  3. Star
  4. Haussperling
  5. Buchfink
  6. Grünfink
  7. Gimpel
  8. Goldammer
  9. Grauammer
  10. Rohrammer
  11. Feldlerche
  12. Rauchschwalbe
  13. Mehlschwalbe
  14. Zaunkönig
  15. Bachstelze

aus: NABUlletin 01/2007 (Nr. 21), Seite 14ff./hk

 

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Frau auf der Wiese - Foto: NABU/Marcus Gloger

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