„Lebensraum Kirchturm“ in Mainz und Umgebung - eine Zusammenfassung

Turmfalke, Schleiereulen und Fledermäuse leiden in Städten und Dörfern zunehmend an Wohnungsnot. Kirchtürme bieten für sie gute Nistmöglichkeiten, die leider häufig bei Sanierungen verloren gehen. Mit der Aktion „Lebensraum Kirchturm“ wollen der Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen und der NABU die Kirchengemeinden in Deutschland erreichen, die fast 55.000 Kirchtürme betreuen. Ziel ist es, über tiergerechte Sanierungen zu informieren, neue Nistplätze zu schaffen und bestehende zu erhalten. Ein Erfolgsmodell: Bisher wurden in ganz Deutschland fast 200 Kirchen mit einer wetterfesten Plakette und einer Urkunde für ihr Engagement im Bereich Artenschutz geehrt! Zahlreiche weitere Projekte sind geplant.

Auszeichnung vor der Ober-Olmer Kirche. Von links: Karin von Boeckh, Friedel Hembs, Manfred Kern, Pfarrer Schmitt, Karl-Heinz Schäfer (Foto: Rainer Michalski) Auszeichnung vor der Ober-Olmer Kirche. Von links: Karin von Boeckh, Friedel Hembs, Manfred Kern, Pfarrer Schmitt, Karl-Heinz Schäfer (Foto: Rainer Michalski)

Schon sechs Kirchengemeinden hat der NABU Mainz und Umgebung - vertreten durch Karin von Boeckh - für ihr Engagement für die typischen „Kirchturmvögel“ Schleiereule, Turmfalke und Dohle, aber auch für Fledermäuse, mit Plakette und Urkunde ausgezeichnet. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass Pfarrer und Gemeinderäte diese „Untermieter“ dulden und sogar zulassen, dass sie durch von NABU-Mitgliedern betreute Nistkästen gefördert werden. Dabei haben die Vögel keinen Zugang in das Gebäudeinnere, und die wegen ihres ätzenden Kotes gefürchteten Tauben werden von so einer „gefährlichen“ Nachbarschaft oft abgeschreckt. Der NABU kontrolliert das Geschehen im Kasten, Jungvögel werden im Auftrag der Vogelwarte Radolfzell beringt und liefern so wichtige Daten für die Forschung.

Geehrt wurden die evangelischen Kirchengemeinden in Jugenheim und Essenheim und die katholischen Gemeinden St. Bartholomäus in Zornheim, St. Martin in Ober-Olm, St. Stephan in Gonsenheim und St. Georg in Nieder-Olm. Die Veranstaltungen in Jugenheim und Ober-Olm fanden im Rahmen eines von der NABU-Regionalstelle organisierten Pressetermins statt. In Zornheim übernahm Pfarrer Hubert Wilsbos die Einladung der Presse in Eigenregie. Viele Artikel in mehreren regionalen Zeitungen machten die Bevölkerung auf die Aktion aufmerksam und sorgten für ein gutes Medienecho.

Turmfalken - 2 Wochen alt (Foto: Rainer Michalski) Turmfalken - 2 Wochen alt (Foto: Rainer Michalski)

In Jugenheim werden die Nistkästen von Heinfried Greß betreut, in Zornheim von Hans Beißmann. Karl-Heinz Schäfer und Manfred Kern haben diese Aufgabe in Ober-Olm übernommen, Dr. Dieter Rinne in Gonsenheim. Viele Vogelgenerationen sind in den Kästen schon groß geworden! So berichtet Hans Beißmann etwa von einem Jahr, in dem die Zornheimer Schleiereulen 12 Jungvögel aufgezogen haben. Dies ist um so wichtiger, da gerade Schleiereulen in harten Wintern große Verluste erleiden. Ihr Bestand ist starken Schwankungen unterworfen.

Turmfalken und Schleiereulen gehören in diesen Kirchen quasi zum Stamminventar der Kirchen, mit den Dohlen wetteifern sie jedes Jahr von neuem um die begehrten Quartiere.

Der SWR hat im Mai 2008 sogar einen kleinen Film im Rahmen der Sendung „Im Grünen“ über die langjährige Naturschutzarbeit von Heinfried Greß in Jugenheim gedreht mit dem Thema „Lebensraum von Dohlen und anderen Vögeln im Kirchturm“.

Besonders erfreulich ist, dass auch die Gemeinden in Essenheim und Nieder-Olm ausgezeichnet werden konnten. Denn hier waren Eulen und Falken bis 2004 bzw. 2002 heimisch und wurden vom NABU betreut, doch dann wurden sie durch Renovierungsmaßnahmen ausgesperrt. NABU-Mitglied Dieter Roth hat erreicht, dass die Kirchturmdächer nun wieder für die alteingesessenen Bewohner geöffnet werden. Demnächst werden an beiden Kirchen die Plaketten angebracht und machen Kirchenbesucher und Passanten auf die gefiederten Bewohner aufmerksam.

Doch damit ist die Aktion „Lebensraum Kirchturm“ für den NABU Mainz und Umgebung noch nicht abgeschlossen. In der katholischen Kirche St. Alban in Bodenheim installieren Hermann Hoegner und Manfred Kirch in Kürze mehrere Nistkästen, ein Nistplatz für Schleiereulen wird in einer nahe gelegenen Scheune eingerichtet. In Bodenheim wird die Auszeichnung der Gemeinde wahrscheinlich im Winter 2008/2009 stattfinden. Weitere Projekte sind in Planung.

Infos zum Projekt in Mainz: Karin von Boeckh, Tel. (06131) 476988


Und hier noch eine ganz persönliche kleine Nachlese zu der Auszeichnung der Kirche in Jugenheim im Rahmen des NABU-Projektes „Lebensraum Kirchturm“.

von links: Pfarrer Geiß, Frau Gerhold, Heinfried Greß, Christian Riedel (Foto: Rainer Michalski) von links: Pfarrer Geiß, Frau Gerhold, Heinfried Greß, Christian Riedel (Foto: Rainer Michalski)

PKW-Anfahrt an einem kalten, aber sonnigen Märzvormittag, vorbei an malerisch gelegenen Ortschaften in sonnenüberfluteter Landschaft bei klarer Fernsicht! Das Ziel: die Jugenheimer evangelische Martinskirche, eine sehr beeindruckende, in barockem Stil des 18. Jahrhunderts errichtete Quersaalkirche.

Froh gelaunt versammelten sich dort unsere NABU-Mainz-Abordnung, der Ortspfarrer, Herr Paul Geiß, die Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Frau Ingrid Gerhold, und etliche Pressevertreter aus Mainz. Nach der einführenden Begrüßung durch Karin von Boeckh und Rainer Michalski (NABU-Regionalstelle Rheinhessen-Nahe) würdigte Pfarrer Geiß das unermüdliche Engagement von Heinfried Greß für Naturschutzmaßnahmen in und um Jugenheim.

Nun folgte ein Höhepunkt nach dem anderen: Im Gedränge der Fotoreporter brachte Heinfried Greß die Plakette bzgl. der Auszeichnung zur Öffnung des Kirchturms für 3 Nistkästen für Turmfalken und Schleiereulen an der Kirchenmauer an. Danach überreichte Karin von Boeckh die Silberne Ehrennadel des NABU an Heinfried Greß für alle seine Verdienste im Naturschutz.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Greß!

Einige Teilnehmer stiegen nun mühevoll über schmale Treppen und niedrige Stiegen in dem Kirchturm hoch, andere beobachteten von unten - außerhalb die davonfliegenden Dohlen, Turmfalken und auch eine Schleiereule!

Zum Abschluss zeigte uns Pfarrer Geiß das bestaunenswerte Innere dieser evangelischen-reformatorischen Kirche mit den wertvollen Überresten gotischer Wandmalereien (15. Jahrhundert).

Fazit: Ein herrlicher Frühlingsvormittag mit einer sinnvollen Aktion zugunsten der Vogelwelt! Dank und Anerkennung für das gelungene Management an Rainer Michalski und Karin von Boeckh!

aus: NABUlletin 02/2008 (Nr. 24), Seite 15ff./rm+cr

 

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Frau auf der Wiese - Foto: NABU/Marcus Gloger

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