Der Natur eine Stimme – Der Naturschutz und die Umweltverbände in der Mainzer Politik

Naturschutzverbände sind die „Anwälte der Natur“, und ihre (immer noch unzureichenden) Beteiligungsrechte sind dem Willen geschuldet, bei Konflikten der Natur eine Stimme zu geben und deren Interessen zu vertreten. Als größter Mainzer Naturschutzverband nehmen auch wir diese Verpflichtung gerne an und kommen dieser in enger Zusammenarbeit in der Arbeitsgemeinschaft der Mainzer Naturschutzvereine (ARGE) auf kommunaler Ebene nach. Im Jahr 2012 waren die ehrenamtlichen Naturschützer an vielen Punkten gefordert. Im Folgenden ein Überblick über die vielfältigen für den Naturschutz bedeutsamen politischen Fragen in Mainz.


Zitadelle – ein (fast) vergessenes Biotop
Der Urwald mitten in der Stadt: der Zitadellengraben (Foto: D. Dümig) Der Urwald mitten in der Stadt: der Zitadellengraben (Foto: D. Dümig)

Wer die letzten Ausgaben des NABUlletins aufmerksam gelesen hat, hat wahrscheinlich bemerkt, dass ein bestimmtes Gebiet in den Fokus der Naturschutzverbände gerückt ist – der „Geschützte Landschaftsbestandteil“ (Graben und Wall) auf der Zitadelle. Dieses wertvolle Element der Mainzer Stadtnatur liegt buchstäblich im Schatten des Denkmals Zitadelle und ist damit der Gefahr ausgesetzt, ins Hintertreffen gegenüber anderen Interessen zu geraten.

Nicht zuletzt der Initiative des NABU ist es zu verdanken, dass die Bedeutung dieses Stadtbiotops sowohl den Naturschutzverbänden selbst als auch der Öffentlichkeit präsenter geworden ist. Durch Exkursionen, Stellungnahmen und Gesprächen ist es gemeinsam mit anderen Akteuren mittlerweile gelungen, (schriftlich!) klarzustellen, dass in Zukunft bei Tätigkeiten auf der Zitadelle der Naturschutz seinen berechtigten Stellenwert erhält. Dies bedeutet konkret, dass (1) in Zukunft Maßnahmen, welche den geschützten Teil betreffen, auf höchster politischer Ebene zwischen den zwei Dezernentinnen (Umwelt/ Bauen) abgestimmt werden und nicht durch nachgeordnete Stellen eigenmächtig entschieden werden und dass (2) dabei für den geschützten Teil die Zustimmung des Umweltamtes unabdingbar ist. Wir werden sehen, wie sich dies in der näheren Zukunft konkret gestaltet.

Layenhof – der Schatz der Mainzer Natur
Artenreichtum auf dem Layenhof: Wespenspinne (Foto: Josua Dietze) Artenreichtum auf dem Layenhof: Wespenspinne (Foto: Josua Dietze)

Völlig überraschend geriet im Laufe des Jahres ein weiteres Kleinod der Mainzer Natur in den öffentlichen Fokus: die Freiflächen auf dem Flugfeld des Layenhofs. Wobei: Kleinod ist als Bezeichnung für den größten Offenland-Komplex in Rheinhessen und das artenreichste Biotop auf Mainzer Stadtgebiet unpassend – Kronjuwel wäre der bessere Begriff.

Der Layenhof wurde Teil der Diskussionen auf Landesebene um die Zukunft des Nürburgrings und die Unklarheiten von Veranstaltungsmöglichkeiten dort. Es stand die Frage im Raum, ob „Rock am Ring“ nicht auf dem Layenhof stattfinden könnte.

Auch als der Standort von „Rock am Ring“ zugunsten der Eifel geklärt war, blieb die Frage von kommerziellen Veranstaltungen mit ca. 20.000 - 40.000 Personen auf der Tagesordnung. Wer sich noch an den Zustand der Flächen und der Gemarkung nach den Konzerten in den 1990er Jahren erinnert, kann da nur das Schlimmste befürchten.

In einem solchen Konflikt zwischen Natur und Kommerz ist die Position des NABU klar. Alle Mainzer Naturschutzverbände haben sich deutlich zu Wort gemeldet. Es kann nicht sein, dass das ornithologische Glanzlicht von Mainz, welches nicht zuletzt auch durch ehrenamtliches Engagement der Verbände so ist, wie es ist, einem solchen Kommerz geopfert wird. Auch hier war es der Arbeitsgemeinschaft der Mainzer Naturschutzverbände (ARGE) möglich, durch öffentliche Exkursionen, Stellungnahmen und Gespräche die Bedeutung des Layenhofs für die Mainzer Natur zu verdeutlichen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Berichts war der Ausgang der Entwicklung noch offen.

Mainzer Strategie zur biologischen Vielfalt – ein viel versprechender Beginn?

Die Biotope auf dem Layenhof werden in den nächsten Jahren wegen ihres Artenreichtums sowieso eine größere Rolle spielen. Seit 2011 ist die Stadt Mainz Mitglied im kommunalen Bündnis für Biodiversität und hat sich damit verpflichtet, ihre Politik am Erhalt und dem Schutz der Artenvielfalt auszurichten. Bis zum Jahr 2014 soll es einen Stadtratsbeschluss über eine „Mainzer Strategie zur Biodiversität“ geben.

Hierzu haben im zweiten Halbjahr 2012 sowohl die behördeninterne als auch die öffentliche Auftaktveranstaltung stattgefunden. (Lesen sie bitte hierzu auch den Artikel von Angelika Fingerhut auf Seite 13.) Um die biologische Vielfalt in unserer Stadt zu bewahren und zu fördern, sind natürlich viele Akteure und Bürger aufgerufen, dafür etwas zu tun und sich am Prozess zu beteiligen. Vorrangig ist aber auch und gerade die Stadt selbst mit all ihren Untergliederungen, Ämtern und Eigenbetrieben gefragt. Denn bei allem Engagement, das Vereine und Bürger an den Tag legen können: Ohne den klaren politischen Willen der Stadtspitze und die substantielle Beteiligung der städtischen Institutionen mit ihren Ressourcen läuft eine solche Strategie ins Leere. Der NABU wird hier sein Augenmerk besonders darauf legen, dass nicht nur wohlklingende – aber unverbindliche – Papiere verfasst werden, sondern sich eine Mainzer Strategie zur biologischen Vielfalt in konkreten Projekten und Maßnahmen niederschlägt.

Grüne Brücke – Ein Beispiel für Stadtnaturschutz
Im Einsatz für die Stadtnatur: Schüler der Feldbergschule (Foto: A. Lukas) Im Einsatz für die Stadtnatur: Schüler der Feldbergschule (Foto: A. Lukas)

Dass für die Natur auch und gerade im Stadtgebiet viel erreicht werden kann und eine Zusammenarbeit zwischen städtischen Stellen und Naturschutzverbänden fruchtbar sein kann, zeigt der NABU auf der Grünen Brücke in der Neustadt. Mit Unterstützung des Grünamts versuchen wir dort seit 2011 in einem stark bebauten Gebiet die Bepflanzung des bereits ausgezeichneten Bauwerks durch heimische und für die Fauna wichtige Sträucher und Stauden zu ersetzen.

Im April und September 2012 haben dort zwei große Pflanzaktionen stattgefunden. Es gelingt uns zunehmend, auch die Anwohner für das Projekt zu begeistern. So war die zweite Pflanzaktion ein gemeinsamer Einsatz von NABU und der angrenzenden Feldbergschule, bei dem 50 Schüler über 300 Pflanzen eingepflanzt haben und Teile davon auch in Zukunft pflegen werden. Dadurch konnte den ganz jungen Teilnehmern auch viel über die Bedeutung der heimischen Natur nahe gebracht werden. Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Teile unserer Bemühungen durch Vandalismus zerstört werden. Aber wir lassen uns nicht entmutigen, und der NABU wird auch in Zukunft Ressourcen in dieses herausragende Projekt investieren.

Geplanter Ausbau der A 643 – Bedrohung für zwei Naturschutzgebiete
Ein Blick von der Fußgängerbrücke auf die A 643 - während einer Führung durch den Mainzer Sand im März 2012 durch Jürgen Weidmann (vorne am Geländer 3. von li). Michael Ebling (damals OB-Anwärter - vorne am Geländer 2. von li) war sehr interessiert. (Foto: ARGE) Ein Blick von der Fußgängerbrücke auf die A 643 - während einer Führung durch den Mainzer Sand im März 2012 durch Jürgen Weidmann (vorne am Geländer 3. von li). Michael Ebling (damals OB-Anwärter - vorne am Geländer 2. von li) war sehr interessiert. (Foto: ARGE)

Während mit der Grünen Brücke ein – zugegeben – sehr kleiner „Verkehrsweg“ für die Natur aufgewertet wird, ist die Entwicklung bei einem etwas größeren Verkehrsweg – der A 643 – noch nicht klar. Seit Jahren steht ein möglicher Ausbau auf der politischen Tagesordnung. Das Bündnis „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“, bei dem der NABU Mitglied ist, wendet sich gegen die phantasielosen Pläne, durch zusätzliche Fahrspuren den Stau einfach in die Breite zu ziehen und durch den Bau von Lärmschutzwänden – die den Bewohnern der Hochhäuser in Mombach sowieso nix bringen – die empfindlichen Biotope des Lennebergwaldes und des Mainzer Sandes unwiederbringlich zu schädigen. Vielmehr muss es hier um eine Variante gehen, die durch intelligente Kombination verschiedener Maßnahmen (befahrbare Seitenstreifen, Flüsterbeton, überwachtes (!) Tempolimit) Naturschutz und Lärmschutz miteinander verbindet. Auch der unermüdlichen Arbeit des Bündnisses ist es zu verdanken, dass über diesen ganzen Fragekomplex an Runden Tischen diskutiert wird und sich mittlerweile viele Akteure gefunden haben, welche die „sanfte Variante“ bevorzugen, und diese Variante sich langsam als erste Option durchsetzt.

Da hier Schutzgebiete von europäischem Rang (FFH-Gebiet Kalkflugsandgebiet Mainz-Ingelheim) betroffen sind, stehen dem NABU als anerkannter Naturschutzvereinigung nach Umweltrechtsbehelfsgesetz aber auch deutlich mehr Handlungsoptionen als reine Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung. Eines sei abschließend gesagt: Für Naturschutzverbände muss es darum gehen, dem Naturschutz die angemessene Beachtung zu verschaffen – das ist nämlich ihr Auftrag!

Runde Tische mit der Umweltdezernentin – Ein Exempel der Zusammenarbeit

Nach einiger Zeit im Amt hat die neue Umweltdezernentin Katrin Eder (BÜNDNIS' 90/DIE GRÜNEN) einen Runden Tisch eingeführt, dessen drittes Treffen zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Heftes stattgefunden hat. Dieses Gremium ist nicht zu verwechseln mit dem Naturschutzbeirat der Stadt Mainz. In letzterem – gesetzlich verankertem – Gremium sind neben Naturschutzvertretern auch andere Interessengruppen vertreten, um die Stadt Mainz in Naturschutzfragen fachlich zu beraten. Beim Runden Tisch hingegen tauschen sich nur die Naturschutzverbände in einem offenen Rahmen mit der zuständigen Stadtspitze über die ihnen wichtig erscheinenden Fragen des Naturschutzes aus. Viele der oben genannten Fragen konnten dort erörtert werden, und die Naturschutzverbände konnten ihre Positionen in geeignetem Rahmen und regelmäßig präsentieren. Wichtig sind natürlich die vielen einzelnen Fragen, die dort diskutiert werden (so z. B. die Bestandssituation der Störche im Laubenheimer Ried oder die Frage der Windkraftanlagen in Mainz und Umgebung) – zentral ist aber etwas anderes: Die Einrichtung des Gremiums selbst. Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, dass durch die Runden Tische ein längerfristiger und regelmäßiger Ort des Austausches geschaffen wurde, in dem sich die Akteure kennenlernen, Vertrauen aufbauen und in einem vertraulichen Rahmen offen miteinander sprechen können. Die Einrichtung einer solchen Institution wird von uns sehr hoch eingeschätzt.

Die ARGE – das Fundament des ehrenamtlichen Engagements

Bei vielen dieser Fragen agiert der NABU nicht alleine sondern als Teil der Arbeitsgemeinschaft Mainzer Naturschutzverbände (ARGE). Gemeinsam und in enger Abstimmung mit den anderen in Mainz aktiven Verbänden wie z. B. dem AKU (Arbeitskreis Umwelt in Mombach) und der GNOR (Gesellschaft für Ornithologie RLP) vertreten wir die von anderen oft vernachlässigten Belange der Natur. Dass die Naturschutzverbände bei all diesen Themen geschlossen, sichtbar und effektiv auftreten, ist nicht zuletzt dem (ehrenamtlichen!) Geschäftsführer der ARGE zu verdanken, Jürgen Weidmann. Unser Dank für diese anstrengende Arbeit ist ihm sicher, und der NABU Mainz wird als bei weitem größter Naturschutzverband in Mainz alles tun, was ihm möglich ist, um Jürgen Weidmann bei dieser Arbeit den Rücken zu stärken.

aus: NABUlletin 01/2013 (Nr. 33), Seite 8ff./ch

 

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Frau auf der Wiese - Foto: NABU/Marcus Gloger

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